Okt 28

Tagung „Besser Online“: Webjournalismus anpacken, nicht bloß drüber reden

Zurück zur Info: Die Tagung bietet in entspannter Atmosphäre Einblicke in den Onlinejournalismus.

„Wer nicht die Welt verändern will, wird kein Journalist!“, sagt Dominik Brück vom Hamburger Onlinenachrichtenmagazin Mittendrin auf der DJV-Tagung „Besser Online“. Über 300 Journalisten aus ganz Deutschland waren im Oktober in Berlin dabei. Wieso Blogs und Webradios glücklich aber nicht reich machen, ob Onlinejournalismus in Deutschland eine Chance hat und welche Redaktion auf Datenjournalismus setzt, lesen Sie in diesem Blogpost. 

Berlin Online 2014, Domik Brück, Marcus Engert, Stefan Laurin,

„Wieso macht ihr das? Was treibt euch an?“, wollte Thomas Mrazek von Marcus Engert, Stefan Laurin und Dominik Brück wissen (v.l.n.r) (Foto: Heiko Assmann)Der stellvertretende Mittendrin-Chefredakteur Dominik Brück (Mittendrin) sitzt mit Marcus Engert (detektor.fm) und Stefan Laurin (Ruhrbarone) auf dem Besser-Online-Podium und diskutiert über politische Blogs. Schnell wird klar, reich wird man mit dieser Art des Journalismus nicht. Aber: Leser und Hörer schätzen die Berichterstattung, die mit Geschichten hinter der Nachricht aufmacht. Allein das Internetradio detektor.fm kommt auf 60.000 regelmäßige Hörer. „Die kommen wegen der Inhalte – gute Musik allein ist ja nicht googlebar. Und wir haben kein Budget für Werbekampagnen“, sagt Redaktionsleiter Engert. Seit Sendestart im Dezember 2009 leben vier Leute knapp vom Webradio aus Leipzig. „Viel Geld verdient man damit nicht. Aber irgendjemand muss das machen: echte Experimente und Gehversuche. Journalisten sind immer gut darin, auf Panels über die Zukunft des Journalismus zu reden. Die muss man dann auch mal anpacken“, betont er.

Auch online muss die Schlagzeile knallen

Ideen haben, auf sein Bauchgefühl hören, mutig sein, einfach machen. Dieser journalistische Vierklang, den auch die Redaktion des Lokal-Blogs Ruhrbarone vorlebt, beeindruckt mich. Seit sieben Jahren veröffentlicht das Team pro Tag zwei bis vier Artikel. Dabei funktioniere der Blog wie die Bildzeitung. „Wenn wir keine Schlagzeile haben, die knallt, klicken uns die Leute nicht an“, sagt Bloggründer Stefan Laurin auf dem Podium.

Hat Onlinejournalismus in Deutschland keine Chance?

Print oder Online? Print und Online? Aber wie? Bei uns scheint es immer noch Grabenkämpfe zwischen den Medien zu geben. Während die einen an ihrer Gatekeeper-Rolle von einst festhalten, überlegen andere, wie sie mit neuen Medien und Techniken beruflich weiterkommen.

Besser Online 2014

„Onlineredakteure müssen sich in Deutschland oft für ihren Erfolg rechtfertigen“, sagt Wolfgang Blau von „The Guardian“. (Foto: Heiko Assmann)

Dies war auch Thema der Eröffnungsrede von Wolfgang Blau, der bei „The Guardian“ für digitale Strategien verantwortlich ist: „In Deutschland gibt es viele Verlage, die Print ganz klar vorziehen. Online hat in diesen Häusern die alleinige Aufgabe, die Print-Umsätze zu stützen. Das kann eine legitime Strategie sein, bedeutet aber, dass Online hausintern als stetes Spiel mit dem Feuer betrachtet wird und dass die Onlineredakteure sich oft sogar noch für Erfolge rechtfertigen müssen.“ Trotzdem solle man nicht resignieren, sondern die Zeit nutzen, um sich im Onlinebereich zu spezialisieren. Sein Tipp: „Gehen Sie für eine Weile ins Ausland. Besonders bei den Marktführern in Skandinavien können Onlinejournalisten zurzeit viel lernen.“

Berliner Morgenpost setzt auf Datenjournalismua

Wer jetzt nicht sofort die Koffer packen möchte, dem reicht vielleicht zunächst ein Klick auf deutsche Onlineausgaben. So zeigt die Berliner Morgenpost, wie sich mit Datenjournalismus User gewinnen lassen. Vor der Tagung gab es die Möglichkeit, an Redaktionstouren teilzunehmen. Zusammen mit sieben Kollegen habe ich mir die Räume der Berliner Morgenpost angesehen. Nach einer Führung hat sich Chefredakteur Carsten Erdmann über 90 Minuten Zeit für uns genommen. Er beantwortete unsere Fragen und stellte Multimedia-Projekte vor. Eines davon: „Die Narbe der Stadt“. Hier können User die Berliner Mauer und das einstige Westberlin interaktiv erkunden. Klicken sie auf den Button „Heute“, sehen sie, wie sich die Gegend verändert hat. Zudem ist eine Reporterin den gesamten Mauerweg abgeradelt und berichtet, wie sich Berlin in den vergangenen 25 Jahren verändert hat.

Ein Team aus Entwicklern und Journalisten

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Der Bildschirm mit aktuellen Tweets gehört zum Newsroom: Die Redaktion der Morgenpost hat ihre Timeline immer im Blick. (Foto: Insa Künkel)

Für solche Projekte ist seit zwei Jahren mittlerweile ein dreiköpfiges Team zuständig. Die Entwickler sitzen zusammen mit den Journalisten im Newsroom der Zeitung. Sie visualisieren komplexe Zusammenhänge und programmieren Anwendungen, die User mehrere tausend Mal teilen. So macht sich das Blatt im Datenjournalismus einen Namen. Und das ist auch gewollt: „Datenjournalismus hat ein enormes Potenzial. Da wollen wir in Berlin zu den Besten gehören und auch ab und zu bundesweit Akzente setzen“, sagt Carsten Erdmann. 

Mein Fazit: Seien Sie 2015 dabei!

In den zwei Tagen habe ich Online-, Print- und Hörfunkkollegen kennengelernt und hier und da Neues zum Thema erfahren. Im Gegensatz zu Großevents wie zum Beispiel der re:publica geht auf der „Besser Online“ alles etwas ruhiger zu. Viermal konnte ich zwischen vier bis fünf Vorträgen wählen. Und ich habe jedes Mal einen Sitzplatz bekommen. (Warum das nicht immer selbstverständlich ist erfahren Sie unter: re:publica – Tipps für Ihren ersten Besuch der Web-2.0-Konferenz).

Pudding

So lasse ich mir die Mittagspause schmecken. (Foto: Insa Künkel)

Auch die Ticketpreise sind fair und bei Redaktionstouren oder organisierten Treffen am Vorabend lernt man ein paar Teilnehmer schon vor der eigentlichen Tagung kennen. Also: Wer in kollegialer Atmosphäre mehr über Onlinejournalismus erfahren will, sollte „Besser Online“ im nächsten Jahr nicht verpassen. Ich bin gerne wieder dabei.

 

 

 

Mehr Infos für Journalisten, Trainer oder Social-Media-Leute: Über diese Events habe ich bereits gebloggt:

 

Die Blogfotos

Zwei Fotos für meinen Blogpost hat Heiko Assmann zur Verfügung gestellt. Der ausgebildete Fotograf und Fotojournalist arbeitet seit über 30 Jahren in der Branche – in den vergangenen Jahren verstärkt als freiberuflicher Fotojournalist für verschiedene Zeitungen, Magazine und Onlineportale. Seine Schwerpunkte: People-, Event-, Reportage-, Dokumentar-, Natur-, Berlin-, und Schwarzweißfotografie.

 

 

 

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